Mittwoch, 9. Mai 2007

Silbermann und der St. Odilienberg

Johann Andreas Silbermann (1712 bis 1783) war ein hervorragender Orgelbauer, dem wir die Arlesheimer Domorgel verdanken und der im Elsass, in Lothringen, im heutigen Baden und in der Schweiz insgesamt 57 Orgeln errichtete. Seine Instrumente stehen für eine Synthese französischer und deutscher Orgelbaukunst.

Johann Andreas Silbermann war aber auch ein kulturell hochinteressierter Mensch und auch als Schriftsteller, Altertumsforscher und begabter Zeichner bekannt. So veröffentlichte er eine Lokalgeschichte der Stadt Strassburg (1775) und eine Beschreibung von Hohenburg oder dem St. Odilienberg samt umliegender Gegend (1781). – Beide Publikationen werden in der Silbermann-Ausstellung im Forum Würth in einer Glasvitrine im 2. Stock gezeigt.

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"Die Beschreibung von Hohenburg oder dem St. Odilienberg" von Johann Andreas Silbermann, Strassburg, 1781, ausgestellt in der Vitrine der Silbermann-Ausstellung im Forum Würth in Arlesheim

Für Arlesheim, dessen katholische Kirchgemeinde unter dem Schutzpatronat der Heiligen Odilia steht, ist Silbermanns Schrift über den Odilienberg von besonderem Interesse. In einem nur knapp 18 cm hohen und 12 cm breiten Büchlein beschreibt Silbermann die Geschichte des Odilienbergs und der Heidenmauer und erweist sich als aufmerksamer Berichterstatter. Die Ausführungen werden mit 20 Kupferstichen von Johann Martin Weiss illustriert, die auf Zeichnungen Silbermanns beruhen. Dass Silbermann eine Schrift über seine Geburtsstadt Strassburg verfasste, ist nahe liegend.

Silbermann-Hohenburg-Odilia1

Aber wie kam Johann Andreas Silbermann dazu, das Kloster Hohenburg und den Odilienberg zu beschreiben? Die Antwort findet sich im fraglichen Werk in einem Nebensatz im Zusammenhang mit der Beschreibung der Geschichte des Odilienbergs: Silbermann erwähnt, dass er sich 1750 wegen Aufrichtens der Orgel im Kloster Hohenburg aufgehalten hatte:

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" ... wie es im Jahr 1750, als ich mich wegen Aufrichtung der Orgel daselbst einige Tage aufhielt ..."

Bis die Beschreibung der Hohenburg in gedruckter Form vorlag, vergingen über dreissig Jahre, in denen sich Silbermann wiederholt mit der Geschichte und der Anlage des Klosters auseinandergesetzt haben dürfte.

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Der Kupferstich von Niedermünster basiert auf einer Zeichnung von Johann Andreas Silbermann

Silbermanns Beschreibung des Odilienbergs lässt über Tausend Jahre Klostergeschichte aufleben. Er beschreibt „vielfältige Unglücksfälle, die es seit seinem ersten Ursprung an betroffen haben.“ So wurde es „mehrmals durch Feuerbrünste zerstöret, aber immer wuchs es aus Schutt und Asche wieder empor.“

Silbermann-Eticho-Hohenburg-Odilia
Eticho überreicht seiner Tochter Odilia den Schlüssel zur Hohenburg

Über das erste Kloster schreibt Silbermann: „Auf eben dem Platz, wo das alte Schloss Altitona oder Hohenburg gestanden, wurde unter der Heiligen Odilia das erste Kloster im Jahr 680 angefangen und 690 vollendet“. Silbermann liefert die zeichnerische Vorlage für den Kupferstecher, welche die Übergabe des Klosters von Eticho an seine Tochter Odilia in einem „gemahlten alten Glasfenster des Rathauses zu Oberehnheim, wo selbst, wie gemeldet, die Herzogliche Residenz war, mit Überreichung des Schlüssels, auf die nämliche Art vorgestellt.“

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Silbermanns Beschreibung der St.Odilien-Kapelle, auf der rechten Seite die Abbildung ihres Sarges

Silbermann-Odilia-Hohenburg-Kapelle1
"Nachdem von dem ganzen und unversehrten Körper der H.Odilia ein Theil des rechten Arms weggenommen worden, so verschloss man die heiligen Ueberbleibsel sogleich in diesen Sarg, in Beyseyn und mit Beyhülfe Karl IV. Römischer Kaisers und der Bischöfe von Strassburg und Olmütz. Im Jahr 1354."

1045 und 1049 wurde die Klosterkirche „durch einen Zufall, welchen die Geschichtsschreiber nicht bemerkt haben, zerstört“, dann aber sogleich wieder aufgebaut. Im selben Jahre, 1049, in dem die Klosterkirche zum zweiten Mal wieder aufgebaut wurde, besuchte der aus dem Elsass stammende Papst Leo IX. Hohenburg und weihte das Kloster zum zweiten Mal.

Im 12. Jahrhundert zog „Herzog Friedrich, der Vater des Kaisers Friedrich Barbarossa, die Güter und Kirche zu Hohenburg freventlich an sich“ und lässt sie völlig zerstört zurück. Dies geht aus einer Bulle von Papst Lucius III. aus dem Jahre 1185 hervor. Kaiser Barbarossa „bedauerte dieses Verbrechen seines Vaters und stellte Kirche und Abtei wieder in Stand.“

Silbermann-Hohenburg-Odilia-Brunnen
Beschreibung des St. Odilien-Brunnens, der eine Viertelstunde unterhalb des Klosters an dem langen schmalen Wolfsthaler-Hügel steht. "Ueber der aus einem unterhölten Felsen rinnenden Quelle, wodurch im Jahr 750 die heiliege Odilia einem daselbst schmachtenden Pilgrim gleichsam wieder das Leben gegeben hat, steht ein steinern Kreuz, worunter das Wasser durch eine Rinne in einen Wassertrog geleitet wird, aus welchem es ferner den Berg hinab bey Niedermünster hin seinen Ablauf hat."

In den Jahren 1199, 1243 und 1301 wüteten Feuersbrünste und legten das Kloster in Asche. 1474 „fielen die Völker des Herzogs Karls von Burgund ins Elsass ein. Sie beraubten und verbrannten auch das Kloster Hohenburg. Nach ihrem Abzug wurde es bald wieder erbauet“.

1546 „brach im Badhaus der Äbtissin Agnes von Oberkirch eine bis Basel sichtbare Feuersbrunst aus“, als diese badete. Die Äbtissin konnte sich zwar retten, aber „das Unglück verursachte die Klosterfrauen, Hohenburg zu verlassen.“

Erst 1605 veranlasste der Bischof von Strassburg den Wiederaufbau. Im Jahre 1622 fielen die Mansfeldischen Truppen ins Elsass ein: alle Gebäude auf dem St. Odilienberg wurden durch das Feuer zerstört. 1630 errichtete Erzherzog Leopold II., Bischof von Strassburg ein neues Kloster und eine neue Kirche.

Silbermann-Hohenburg-Odilia-Kloster
Die Hohenburg, Kupferstich von Johann Martin Weiss, nach einer Zeichnung von Johann Andreas Silbermann

„1681 wurde das Kloster wiederum ein Raub der Flammen.“ Drei Jahre später, 1681 wurde das Kloster wieder aufgebaut; es entsprach dem von Silbermann im Jahre 1750 besuchten Kloster. - Zehn Mal wurde die Hohenburg in Tausend Jahren zerstört und wieder aufgebaut; meist waren es Feuersbrünste, die der Klosteranlage zu Schaden gereichte.

Silbermann-Niedermuenster-Odilia-Aebtissinnen
"... Walburgis regierte im Jahr 1239. Diese Aebtissin hat dem Bischof von Basel Arlesheim, allwo das Basler Kapitel seinen Sitz genommen, um 80 Mark Silber verkauft."

Silbermanns Beschreibung des St. Odilienbergs ist nicht nur ein Beleg für seine aufmerksame Beobachtungsgabe, sondern stellt auch einen Vorläufer des heutigen illustrierten Reiseführers dar.

Wer in der Geschichte der Reiseführer einen Blick zurückwirft, der stösst auf die Apodemiken des 16. bis 18. Jahrhunderts (der Begriff leitet sich vom griechischen apothimeo, was verreisen bedeutet, ab), die mit ihrem enzyklopädischen Anspruch als Anleitungen für die sogenannte Grand Tour dienten, der Europareise junger Aristokraten.

De-peregrinatione-et-agro-Neapolitano-duo-libri
"De peregrinatione et agro Neapolitano duo libri" von Hieronymus Turler, Strassburg, 1574, war die erste in einer Reihe von über 300 von komplexen Klassifikationssystemen geprägten Reiseanleitungen

Seit Hieronymus Turler 1574 in Strassburg „De peregrinatione et agro Neapolitano duo libri“ veröffentlichte, waren bis ins ausgehende 18. Jahrhundert über dreihundert solcher Bücher erschienen. Detaillierte Beschreibungen wiesen darauf hin, welchen Einzelheiten die jungen Reisenden Beachtung schenken sollten. Nichts sollte ihrem Blick entgehen: Land und Leute wollten im Detail erfasst werden, Sprache und Sitten, Rechtswesen und Umgangsformen, technische Erfindungen und Kunstwerke, Wirtschaft und Naturmerkwürdigkeiten – alles sollte sie interessieren. Komplexe Klassifikationssysteme und abstrakte Kategorien, eine Vielzahl von Beschreibungsrubriken und Abteilungen prägten die Reiseanleitungen und überforderten auch den willigsten Reisenden. Diese Reisebeschreibungstechnik brach quasi unter ihrer eigenen Last zusammen und bedeutete das Ende der Apodemiken.

Die Beschreibung des St. Odilienberges von Silbermann deutete schon eine neue Generation von Reiseanleitungen an: ohne den Text mit Einzelheiten zu überladen und die Leserschaft in ein Labyrinth von Klassifikationen und Kategorien zu entführen, gelingt es ihm, die Klosteranlage und ihre Umgebung historisch zu würdigen und auf Merkwürdiges (im Sinne von würdig, sich zu merken) beschreibend hinzuweisen. Dass er der Bebilderung seiner Ausführungen einen hohen Stellenwert einräumt, lässt ihn zum Vorreiter der heutigen illustrierten Reiseführer avancieren.

Quellen:
Alle kursiven Texte sind Zitate aus: Johann Andreas Silbermann, Beschreibung von Hohenburg oder dem St. Odilienberg samt umliegender Gegend, Strassburg, 1781

Siehe auch:

Der Wanderer von Arlesheim

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