Donnerstag, 6. September 2007

Siegfried Streicher oder: Schreiben ist schön

Schöner Herbsttag

Fluss und Flut sind ausgegossen
Licht verspätet und verblüht
Schwankend und wie blutdurchglüht
Birken zärtlich aufgeschlossen.

Drohnen stürzen aus den Dolden,
Falter streichen windverweht
Und was schwebend noch besteht
Reiht sich flimmerbunt und golden.

Und vom Tor und von der Mauer
Purpurrebe niederrinnt,
Selig wer noch Kraft gewinnt
Vor der grossen weissen Trauer ..

Die Bäume müssen sinnend stehn
Die Menschen müssen bald vergehn
Es klirrt das Laub und auf die Wand
Fällt eine schmale Schattenhand.

Und du und ich: wir fallen auch
Und du und ich sind Staub und Tauch
Vom Acker der in Stoppeln steht,
Vom Feuer das ein Wind verweht ...

aus: Siegfried Streicher, Gedichte, Basel, 1934

Am 6. September 1966 starb der Arlesheimer Journalist und Schriftsteller Siegfried Streicher. Geboren am 19. Februar 1893 in Basel, promovierte er nach erfolgreichem Studium in Genf und Fribourg zum Dr. phil. Ab 1929 war er Redaktor für das Feuilleton beim Basler Volksblatt, 1940 bis 1944 dessen Chefredaktor. 1944 bis 1963 arbeitete er für die katholisch-konservative Kulturzeitschrift Schweizer Rundschau. Neben seiner journalistischen Tätigkeit veröffentlichte er auch Gedichte, Erzählungen, Novellen und Essays.

Siegfried Streicher wohnte an der Waldstrasse in Arlesheim und war Schulpfleger, Kirchenrat und Präsident der römisch-katholischen Kirchgemeinde.

Wohnhaus-Siegfried-Streicher-Arlesheim
Siegfried Streichers Wohnhaus in Arlesheim

Für Arlesheim sind Streichers Texte, die in der Gedenkschrift zur Aussenrenovation des Doms 1954/1955 erschienen sind, von besonderer Bedeutung. - Exemplarisch für die Wortgewandtheit, die über die Umstände hinaus zu einer Beleuchtung zeitloser Gefahrenzonen im menschlichen Seelenleben führt (so im Klappentext zu Die Tragödie einer Gottsucherin, Einsiedeln, 1945), ist der Text Siegfried Streichers über Vincent Van Gogh (Zürich, 1928). Er lässt den Lesenden teilhaben an seiner persönlichen Begegnung mit Leben und Werk Van Goghs; seine Beschreibung des Schicksals des Malers zeugt von einer tiefen Auseinandersetzung und einer ausserordentlichen Fähigkeit, sich in die Person Van Goghs und sein Werk hineinzuversetzen. Es gelingt Siegfried Streicher die Farb- und Motivwelt Van Goghs in Worten aufleben und gleichzeitig die innere Auseinandersetzung und Zerrissenheit des Malers erahnen zu lassen

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Vincent Van Gogh, Die Kartoffelesser, 1885

"Die Erdäpfelesser werden erdrückt von namenloser Hässlichkeit. Sie sind wie mit Pech, wie mit Dreck und speckiger und flüssiger Kohle, wie unter der Erde gemalt. Verkörperungen des Elends und menschlicher Tierheit, keine sentimentalen Armeleutefiguren, aber niederbeugend durch die Majestät ihrer Hässlichkeit. Die einfachsten menschlichen Verrichtungen werden mit der Weihe kultischer Handlungen vollbracht. Ein gotisches Triptychon, in dem der übernatürlich-göttliche Inhalt ersetzt wird durch einen menschlich-natürlichen, aber Weihe und Andacht sich gleich bleiben. Ich wüsste keine schreckhaftere Beglaubigung des naturalistisch-sozialen Zeitgeistes. Millet, der Meister, wirkt blass daneben und bürgerlich-harmlos (...)." (Siegfried Streicher, Van Gogh, Zürich, 1928, Seite 19).

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Vincent Van Gogh, Brücke in Arles, 1888

"O über diese erste Arleserzeit! Das Glück lag in der Luft, wie es in diesen sprühenden, zündenden Farben lag. (...) Aber auf dem Bild mit der Brücke in Arles ist das Feuer überwunden und die chthonische Dumpfheit behoben, der Sieg des reinen Lichtes über alle irdische Unruhe, Gefilde der Seligen so hell und leicht ins Endlose gedehnt und doch tief lebendig in den Flecken und Flächen aus Rot, Blau, Gelb und Smaragdgrün. (...)" (Siegfried Streicher, Van Gogh, Zürich, 1928, Seite 28 f).

In seinem Aufsatz Schreiben ist schön (im gleichnamigen Buch erschienen, Zürich, 1955) beschreibt er, wie er in seinen Texten Helden, Vikare, Landpfarrer, Nonnen, Mönche, Proleten oder Bürger zum Leben erweckt: Ja, sie alle sind meine Geschöpfe. Ich lasse sie das Licht ihres eingebildeten Daseins erblicken, ich lasse sie durcheinander, miteinander, gegeneinander das unerschöpfliche Spiel des Lebens spielen. (...) Oft scheint alles verloren und kein Ausweg aus dem Kneuel der Verwirrung. Dann greife ich ein und sehe zum Rechten. Ich liebe und leide ja mit meinen Geschöpfen, ich harre, hoffe, irre und finde mit ihnen. (...) Was mich anzieht, ist überhaupt das Geheimnisvolle und Unbegreifliche, das Wunderbare, Dunkle, Tiefe und Religiöse, alles was Schauer und Ehrfurcht, Schrecken und Tiefsinn einjagt. (...) Ja, das Leben ist kurz und wunderbar. Darum Feder, eile, fliege, gehorche dem Geist, der dich führt, der dich treibt, ohne zu wissen wohin und wozu ...(...) Ich schreibe. Denn wahrlich schreiben ist schön, sehr schön ...

Der Wanderer von Arlesheim

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